Die Grenzen der Malerei oder die Ubertragung in der Kunst
von Shintaro Miyazaki (La-condition-japonaise)
Auf einer weissen Leinwand sind farbige blumenformige Spiralen. Die Kunstwerke von Hirofumi Matsuzaki hangen an der Wand und sind flach. Sie scheinen als erstes eher dekorativ-abstrakt zu sein. Bei naherer Betrachtung jedoch bemerkt man die "Tiefe" der Bilder, die schlicht "Blumen im weissen Raum" genannt werden. Bei gewissen Bildern scheint die Kraft dieser "Tiefe" starker zu sein, sie haben einen richtigen Sog. Andere sind eher dekorativ gehalten. Allen gemeinsam ist eine elegante Komposition aus leuchtenden Farben, Spiralen, Kabel oder Blumen und "Leere" beziehungsweise Raum.
Die Kunst von Hirofumi Matsuzaki ist eine Synthese von Konzeptkunst und Malerei. Zugespitzt formliert: Sie sind nicht nur schon, sondern sind Resultat einer langjahrigen Reflexion uber die Grenzen der Malerei. Dennoch ist dies nicht direkt ersichtlich: Understatement made in Japan. In den vier Jahren seit dem er in Deutschland, erst in Hannover dann in Berlin, lebt und arbeitet vollzog Matsuzaki eine Metamorphose vom einfachen Malereistudenten zum einem zeitgenossischen Konzeptkunstler, der mit Mitteln der Malerei arbeitet.
In den Gesprachen mit Matsuzaki fand ich heraus, dass er nebenbei Webseiten programmiert und sich in Actionscript, eine Programmiersprache fur bewegte Bilder, einarbeitet. Auch Matsuzaki, dessen Starken bei den alten Medien wie die Leinwand + Farbe (Acrly oder Ol) liegen, ist offensichtlicherweise Teil der heutigen globalisierten Informationsgesellschaft. Doch nicht nur das: Matsuzaki kann mit den Werkzeugen der neuen Medien umgehen. Matsuzaki ist ein verkappter Medienkunstler. Als latenter Medienkunstler, der sich aber gezielt nur mit Malerei beschaftigt, reflektiert Matsuzaki ein enorm wichtiges Grundbaustein unserer Informationsgesellschaft. Die Leitung oder anders formuliert: Transmission, Ubertragung.
Die Spiralen haben einen Sog. Das Bild wird zum Objekt, zum Raum. Gleichzeitig ist dieser Raum eine Verbindung zu einer anderen Welt. Die Welt auf der anderen Seite der Wand? Oder irgendwo ganz weit weg auf unserem Globus? Doch nicht nur die Spiralen und Blumen scheinen irgendwie auf unsere Netzgesellschaft hinzuweisen, sondern auch das Grundbaustein der Spiralen, namlich Kabel. Oft sehen die Blumen so aus, als ob sie aus Kabeln gemacht sind. Manchmal erinnern sie einem an die spiralformigen Horerkabel der alten Telefone, die es bis vor kurzem noch gab. Ubertragung als Schlusselkonzept der Globalisierung ist also das eigentliche Thema der Kunstwerke, die Matsuzaki ganz simpel "Blumen im weissen Raum" nennt. Nun ubertragt er seine Malerei in die zeitliche Dimension und versucht sich als Videokunstler. "Doch nur so zum Spass" wurde er vielleicht sagen.
Die Transmission geschieht von alleine. Heutzutage ist fast die ganze Welt vernetzt, verkabelt, verbunden. Per Videochat uber Skype - Bildtelefonie - kommen sich die Menschen auf der Erde vielleicht naher. Es scheint als ob die ganze Welt Gleichgeschaltet, Gleichverkabelt ist. Dies will Hirofumi Matsuzaki nicht einfach kritisieren, dies haben schon viele getan - meint er -, sondern den Vorgang der Transmission, der Ubertragung an sich reflektieren. Die Transmission geschieht eben nicht von alleine, sondern ist das Resultat enorm vielen Faktoren. Die Medientechnologien arbeiten so gut, dass wir nicht einmal merken, dass es sie gibt. Medien sind wie die Brille: Unsichtbar, wie schon Martin Heidegger bemerkte.
Matsuzaki aber will nun nicht den Vorgang der Ubertragung an sich darstellen oder zerstoren, wie es zum Beispiel Nam June Paik mit seiner Videokunst getan hat, sondern den Vorgang, die Arbeit der Transmission rekonstruieren. Matsuzaki stellt sich nicht dagegen, sondern macht ganz japanisch gehorsam einfach mit: Er malt in muhsamer Feinarbeit wochenlang mit Acrylfarben an einem Bild, das eigentlich eine Computergrafik ist. Matsuzaki fuhrt die Ruckubertragung des symbolischen Cyberspace in die reale Materialitat der Leinwand aus. Matsuzaki ist Medium und Maschine. Aber keine bose Maschine, sondern ein sehr freundlicher menschlicher Digital-Analog-Wandler, der mit einem Faktor X arbeitet. Im 19. Jahrhundert nannte man diesen Faktor "Genius".